Archiv für Februar 2008

Wippermann auf tvb über sein Buch „Autobahn zum Mutterkreuz“, die 68er und die Beziehung der Konservativen in Deutschland zum Dritten Reich

Stadtgespräch Porträt mit Wolfgang Wippermann – Teil 1
Stadtgespräch Porträt mit Wolfgang Wippermann – Teil 2

„Sie sind ein Volksschädling“

Wie Zeitungsleser auf die Diskussion um die Äußerungen Eva Hermans reagieren

„Die Debatte um die Aussagen der Moderatorin und Autorin Eva Herman hatte es in sich, spülte sie doch Propaganda der NS-Zeit an die Oberfläche, die längst überwunden schien. Welche Spuren dieser Streit hinterlassen hat, beschäftigt den Berliner NS-Forscher Wolfgang Wippermann in seinem neuen Buch ‚Autobahn zum Mutterkreuz‘. Darin dokumentiert er Reaktionen und Leserbriefe an die ‚Bild‘-Zeitung. […]“

Jens Rosbach rezensierte über Buch und Autor in der Sendung „Politische Literatur“ des Deutschlandfunks.

Den Beitrag könnt Ihr hier nachlesen:

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Friede, Freude, Rassenzucht

„Nicht nur die ehemalige Fernsehmoderatorin und Hobbyhistorikerin Eva Herman kann den ‚Straßen des Führers‘ und der nationalsozialistischen Frauen- und Familienpolitik etwas abgewinnen. ‚Mutterschaft, Familie, Autobahn‘ heißt auch das unerschütterliche Glaubensbekenntnis vieler Deutscher. ‚Es war eine glückliche Zeit.‘ Die schweigende Mehrheit hat die ‚guten Seiten‘ am Nationalsozialismus schon lange entdeckt. Doch nie war der Geschichtsrevisionismus so selbstverständlich wie heute. Wolfgang Wippermann gibt Nachhilfe. […]“

Die Wochenzeitung Jungle World veröffentlichte einen Vorabdruck aus Wolfgang Wippermanns neuem Buch „Autobahn zum Mutterkreuz. Historikerstreit der schweigenden Mehrheit.“

Das Dossier findet Ihr hier:

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Auch der Rheinische Merkur kam nicht an Wippermanns neuem Buch vorbei:

“ […] Das meiste zwischen Parken und Partnerwahl ist amüsant bis harmlos, eine Umleitung vom Einparken in drei Zügen zur Autobahn im Dritten Reich kann jedoch gefährlich werden. Eva Herman verlor zwar ihren Job, gewann aber eine große Fangemeinde. Denn die Ressentiments, die das Ex-Tagesschau-Gesicht schürt, entsprechen denen der schweigenden Mehrheit. Davon ist zumindest der Historiker Wolfgang Wippermann überzeugt. Bitter bilanziert der Geschichtsprofessor, der in der einschlägigen Kerner-Sendung der Erfinderin des Eva-Prinzips Paroli bieten sollte, den Nichthistorikerstreit. Hinter den Feindbildern „Emanzen“ und „68er“, hinter dem Ruf „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen in Deutschland“ verberge sich noch immer der Hass auf den „eigentlichen Feind“, den Juden, schreibt er in seinem Buch „Autobahn zum Mutterkreuz“.

Ein dramatischer Befund, allerdings auch nicht frei von Übertreibungen. Immerhin ist die Bundesrepublik kein totalitäres System, das mit staatlicher Propaganda einen Sündenbock züchtet. Die offene Gesellschaft erregt und amüsiert sich, frei nach Karl Popper, an ihren zahlreichen Feinden. Auch das ist Pluralismus. Wippermann unterschätzt die Seligkeit in der Feindseligkeit, die Unterhaltung in der Niederhaltung. Ein einziger Sündenbock, auf den sich der Hass der Vielen lenken lässt, wäre der zuschauenden und lesenden Mehrheit viel zu langweilig. Der moderne, massenkompatible Feind muss Spaß machen. […]“

Den gesamten Artikel findet Ihr hier (Der Beitrag befindet sich inzwischen im „Geschlossenen Artikelbereich“.):

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„33er“ = „68er“ und Goebbels = Dutschke?

Nicht erst seit den Eskapaden von Eva Hermann fällt dem aufmerksamen Beobachter auf, dass es einen Trend dazu gibt, die „Erinnerungsnormalität“ an die Zeit des Nationalsozialismus irgendwo rechts von der Mitte anzusiedeln. In diesem Diskurs-Rahmen werden nicht nur angeblich gute Traditionen und Werte eines Vorkriegsdeutschlands als „verschollen“ mystifiziert, oder gar Gutes in Teilbereichen der Politik des Dritten Reiches gefunden. Im selben Atemzug wird meistens auch die Studentenbewegung der 68er in ihrer „Radikalität“ und ihren Folgen für das Verschwinden dieser angeblich guten und verschollenen Werte verantwortlich gemacht. Zu den Protagonisten einer solchen, auf befremdliche Weise revisionistisch wirkenden Argumentation gehören nicht nur Menschen wie Eva Herman, sondern auffallend oft auch namhafte Intellektuelle, die sich eingehend mit der Geschichte des Nationalsozialismus befaßt haben und die man eigentlich eher in der kritischen Geisteswelt der 68er verorten würde. Das jüngste Beispiel für einen solchen Fall ist die Gleichsetzung der Studentenbewegungen von 1933 und 1968 durch den Historiker Götz Aly. In seinem Artikel die „Väter der 68er“ begeht er eine, für den im Augenblick vorherrschenden Zeitgeist typische Kurzschlussreaktion. Ohne auf die politischen Inhalte der Bewegungen zu achten, stellt Aly die nationalsozialistische Bewegung mit jener der Studenten von 1968 gleich. Als den arroganten Versuch „Jugenddiktaturen“ zu errichten, denen Liberalität und Individualismus nichts wert waren, werden beide historischen Phänomene von dem, uns als kritischem NS-Historiker wohl bekannten Autor gleichgesetzt. Den einzigen Unterschied sieht Aly darin, dass den einen in schrecklicher Weise Erfolg beschieden war und den anderen nicht. Dass das angebliche Scheitern und sich Anpassen der 68er Bewegung im Gegensatz zum Erfolg der NS-Bewegung mit größter Sicherheit mit den diametral entgegensetzten Werten der zwei verschiedenen politischen Strömungen aufs engste verknüpft ist, übersieht Aly geflissentlich. Eine Entgegnung von anderen Zeitzeugen der 68er Generation, wie Wolf-Dieter Narr und Peter Grottian, die heute als Professoren an unserer Universität lehren oder lehrten, macht auf diese und andere Schwächen von Alys Argumentation aufmerksam.
In jedem Fall wird diese Diskussion uns auch in Zukunft noch beschäftigen. Als Historiker und Historikerinnen sollten wir diesen Meinungsstreit kennen, denn hier erfährt man nicht nur hautnah wie ein historischer Meinungsstreit verläuft bzw. wie Erinnerung gemacht wird. Es ist auch in unserem eigenen Interesse, dass die Erinnerung an die Errungenschaften der 68er nicht im Sinne einer totalitarismustheoretischen Umdeutung entwertet wird. Eben dies ist es, was Götz Aly in seinem Artikel tut und eben dies ist es, was in seiner Gesamtheit von uns als revisonistischer gesellschaftlicher Trend zu erkennen ist, der nur das Alte stützt und nicht das Neue schafft.
Bleibt nur die Frage: Was bewegt Menschen wie Eva Herman und Götz Aly dazu die 1968er in solcher Radikalität verdammen zu müssen und was haben diese Menschen gemeinsam?

Gruß Tillman